11.8.12

Padroni di Casa. 65. Filmfestival Locarno

Alles beginnt mit einem nächtlichen  Wald. Männer mit Gewehren schlagen sich durchs Gebüsch, der Jüngste von ihnen erschießt einen Wolf. Mit dieser Szene spannt der Film „Padroni di Casa“ von Edoardo Gabbriellini den Rahmen auf, setzt einen Grundton, der die ganze Filmzeit über im Untergrund mitschwingt  – an der Oberfläche hingegen wirken die Dinge anfangs ganz harmlos: da gibt der ehemals populäre Sänger Fausto Miele, gespielt von Gianni Morandi, den (zunächst jovialen) Ton an. Er lebt zurückgezogen mit seiner kranken Frau in ein Dorf im Appenin,  irgendwo zwischen der Toskana und der Emilia . 
In diese Welt kommen die zwei römischen Brüder Cosimo (Valerio Mastandrea) und Elia (Elio Germano), um die Veranda in der Villa des Sängers zu renovieren. Ihre anfänglich witzigen Dialoge bringen eine gewisse Leichtigkeit in den Film. An einer Tankstelle aber begegnen die beiden Brüder den Männern, die in der Nacht zuvor durch den Wald streiften. Dabei sieht der Jüngere der Brüder, Elia,  auf der Ladefläche ihres Pickups den toten Wolf. Dem Zuschauer ist sofort klar, dass er diesen Wolf lieber nicht hätte sehen sollen – und dass er ihn lieber schnell vergessen sollte. Aber Elia begreift es nicht, auch dann nicht, als einer der Männer, der junge Davide (Lorenzo Rivola), der den Wolf erlegt hat - im Naturschutzgebiet, wo das Tier unter absolutem Schutz steht -, ihm in bedrohlicher Weise vermittelt, dass er besser schweigen sollte. Dies ist eine Art „Point of No Return“, ab dem das Schicksal seinen Lauf nimmt, gleich dem ersten Akt einer griechischen Tragödie.

Aber wieder wird der gefährliche Ton zum Unterton, die beiden Männer fahren zu ihrem Auftraggeber Fausto Mielo, der – oberflächlich – ein freundliches Gespräch mit ihnen führt; der jüngere Bruder erwähnt dabei auch  den Wolf. Dass in diesem Augenblick zum ersten Mal durchscheint, dass der Sänger eine Person ist, als er offen zur Schau trägt, vermittelt das Spiel Morandis überzeugend.
Die Brüder machen sich ans Werk und  lernen Mielis Frau Moira (Valeria Bruni Tedeschi) kennen, derentwegen sich Fausto in den Appennin zurückgezogen hat.  Sie wird  von einer nicht näher definierten Krankheit weitgehend an den Rollstuhl gefesselt. Nie wird ganz klar, unter welcher Krankheit  Moira leidet, wo die Ursache dafür liegt – und was es mit den Tabletten auf sich hat, die ihr Gatte ihr regelmäßig mit einem Glas Wasser verabreicht. Valeria Bruni Tedeschi hat hier eine traurige Rolle – sie verkörpert ein durch und durch erbarmungswürdiges Wesen, das dem Sänger ausgeliefert scheint. Sein Verhältnis zu ihr ist ambivalent. Unter seiner jovialen Oberfläche schwingt eine bedrohliche Machtsaite.
Einmal, während ihrer Arbeit, hören sie aus dem Wald das Heulen eines Wolfs. Hörst du, sagt der ältere Bruder, Cosimo, das ist die Mutter des getöteten Wolfs. Sie wird jeden töten, bis sie weiß, wer ihr Junges umgebracht hat (zumindest lautet der Satz in unserer Erinnerung so). Leicht dahin sagt Cosimo das – und erst am Ende des Films offenbart sich die volle Bedeutung dieses Satzes.
Als die Brüder abends in Dorf gehen, gerät der ältere Bruder, Cosimo, mit Davide in Konflikt.  Schuld daran ist der seltsam starre Davide, der eigene Regeln aufstellt, die aber nur für die anderen, in diesem Fall für die „Outsider“ gelten  - so hat er es offensichtlich von seinem Vater gelernt. Der junge Davide mit seinem Steingesicht (hervorragend gespielt von Lorenzo Rivola) macht den ZuschauerInnen  Angst – aber nicht Cosimo.  Der unterschätzt die fast schon pathogene Agressivität Davides.

Als das Mädchen Ariana versucht, Elia, den jüngeren Bruder, zu verführen, schürt das erst recht den Hass Davides, der das Mädchen (ohne dessen Einverständnis) für sich beansprucht. Von Konflikt zu Konflikt geraten die Brüder immer tiefer in die komplexen Strukturen des Dorfgefüges,  in diesem Film, der auf ein Ende zutreibt, das noch schlimmer ist, als man es sich ausgemalt hat. Wie soll es auch gut enden, wenn in einem abgelegenen Dorf wie diesem  bestimmte selbst ernannte „Padroni“ (unter anderem Davides Vater), ihre eigenen Gesetze machen, die mit dem offiziellen Gesetz nicht viel zu tun haben. Über allem steht der zugleich verehrte und verhasste Fausto Mielo. Der Sänger ist nicht nur Padrone im eigenen Haus,  sondern dirigiertvon seiner Villa aus insgeheim das ganze Dorf; er hält alle Fäden in der Hand. Es ist ein fataler Irrtum, dem Cosimo unterliegt, wenn er glaubt, Fausto sei „Einer von ihnen“. Er sieht nicht wie die ZuschauerInnen das eindrückliche  Bild, wie Fausto Mieli gefühllos, achtlos über seine tot am Boden liegende Frau hinwegsteigt – um danach unbehindert sein Comeback-Konzert zu feiern. Dieses Bild lässt ein Feuerwerk von Ahnungen aufsteigen – ein etwas anderes und weniger schönes als das Filmfeuerwerk zu Mielis Konzert. Cosimo findet später die Tote, ahnt aber wiederum nicht (oder vielleicht doch), wer als der Schuldige der selbst ernannten Justiz zum Opfer fallen wird … ein genialer Cosimo im Übrigen, dem Valerio Mastandrea eine eindringliche Präsenz verleiht, in welcher nach und nach der komplexe Charakter dieser zunächst einfach erscheinenden Figur zu Tage tritt.

Besonders im Nachhinein betrachtet, durchziehen verschiedene Motive die Handlung in diesem streng durchkomponierten Filme, der handwerklich bestechend ist. Jedes einzelne Bild, jedes Handlungselement  ist von Bedeutung und treibt den Film voran.  Nach und nach entdeckt man immer mehr tragende Motive. Das Motiv des Wolfs, das den ganzen Film zusammenhält.  Das Motiv des Waldes mit seinen eigenen Gesetzen.  Das Motiv des Mafiaprinzips. Das Motiv eines heimlichen Mordes (vermutlich), der den Falschen zugeschrieben werden wird. Das Motiv der Sündenböcke (die Brüder aus Rom, die das Dorf niemals hätten betreten sollen). Das Gesetz der ungezähmten Natur. Die Motive sind miteinander verbunden oder bieten verschiedene mögliche Erklärungsmuster. Es erschließen sich immer neue Zusammenhänge.  Man deckt, geradezu detektivisch, die Aktivitäten des großen Strippenziehers Fausto auf, aber ohne einen endgültigen Beweis zu finden.  Die ZuschauerInnen können lediglich Verdachtsmomente aneinanderreihen, nach Indizien suchen. Das macht unter Anderem den Reiz dieses Films aus.
Am Ende ist das Heulen der Mutterwölfin verstummt, weil die  Schuldigen bestraft snd. Unschuldige allerdings auch. Ein archaisches, grausames Gleichgewicht ist wieder hergestellt. Ein beeindruckender, handwerklich perfekter Film, der – wie auch La Fille de Nulle Part – einen Preis verdient hätte.

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