16.10.05

Herbstmusik mit Weidentanz

Der schöne Spätsommer hat ein Ende,
nun beginnt der Ernst des Herbsts.
Kalter Wind treibt die Blätter über die Straßen, es klingt wie Regen, es sind aber nur die Blätter die ihr kratziges Lied singen, ihr schleifendes, ihr raschelndes, ihr wisperndes. Dieses wilde, dieses zarte, dieses traurige Naturlied.
Während drinnen Mozart tönt und Szymanowski, leider auch Offenbach, zirkushaft klingt das, wie der Dirigent ihn die Ouvertüre zu Orpheus spielen lässt, dieses Deutsch-Polnische Muskischulorchester spielt besser und zarter und wilder und differenzierter, wenn der junge Dirigent es dirigiert, ist’s Herr Zarzicki oder Herr Spitz, wir wissen es nicht,wir sind zu spät gekommen, auf Zehenspitzen hineingeschlichen, an diesem kühlen, herbstlichen Sonntagnachmittag.
Der Klang könnte voller zu uns herklingen, ein seltsamer Konzertraum ist das im Pommerschen Landesmuseum, ein Zwischending zwischen gedecktem Lichthof und langgestrecktem Saal, der Klang hat nciht genug Raum scheint es, paradox, obwohl soviel davon da ist; aber am Nachmittag ist der Blick herrlich hinaus auf die Bäume am Wall, direkt hinter den Musikern eine Wand aus Glas, so scheint’s, der Blick direkt hinein ins Grün der Blätter und das Blau des Himmels, das Ohr zum Orchester hin, zu den Geigen, ach die Geigen in diesem Orchester. Sanft erst noch, wie wunderbar, zu hören und zu sehen, die Wolken ziehen am Himmel, die Zweige der Weide schwingen, Wojciech Kilar scheint ihr besonders zu gefallen

Wie die Weide schwingt
bei Kilar – wie still sie steht
wenn die Musik schweigt

wirklich scheint es, als hingen die Zweige ganz still in den Pausen, wenn das Orchester aufhört zu spielen – und als ob sie begänne zu tanzen die Weide wenn die MusikerInnen wieder zu ihren Instrumenten greifen und sie erklingen lassen – schön dieser chaotisch harmonische Klang am Anfang, wenn sie ihre Instrumente stimmen .... und dann die Überraschung: Ravels Pavane pour une infante infunten und Gänsehaut rauf und runter am ganzen Körper entlang, weil’s so schön ist. Nur die Geigen. Gleich am Anfang, unvorstellbar zart, fast wie serielle Musik, wie minimal music, ich wusst gar nicht dass Ravel so modern war, so seiner Zeit voraus, Wiederholung um Wiederholung, polyphon klingt das, wild, also wieder nah am Naturlied – natürlich dirigiert der junge Dirigent – sehr bewegt – schräg (dis)harmonisch, häufige Rhythmuswechsel, ab und an ein kurzes Stück klassischer klingender Harmonie, die sogleich wieder durchbrochen wird, wie das Leben eben (blöder Vergleich vielleicht, aber ist’s nicht so?), Zurückhaltung, wilder Ausbruch, oder heißt das Crescendo hier, wildestes Crescendo und dann wieder schräges Piano und dazu schwingt wie wild die Weide im Wind dazu ziehen die Wolken schnell dazu prickelt die Gänsehaut rauf und runter – und am Ende sind wir froh, das Stück von diesem jungen Orchester gehört zu haben: wenig Routine, viel Emotion, viel Frische und Leichtigkeit – und Können natürlich, Mensch, man glaubt’s nciht, was die schon geübt haben müssen in ihrem jungen Leben – da dran sollte man sich mal ein Beispiel nehmen.
Aber, zurück zur Musik, nach Ravel ist Jaques Offenbach das reinste Privileg, dise übermäßige Harmonie, mir wurd ganz schlecht, aber viele haben mitgeklatscht, also wird es wohl in Ordnung gewesen sein, es soll sich doch jede/r freuen dürfen an so einem schönen Sonntagnachmittag in Greifswald, wo ja sonst nichts los ist also gehen wir dankbar nachhaus.

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