24.10.08

15 Jahre TANZTENDENZEN Greifswald

Den Hauptakteuren samt zahlreichen und „eingeweihten“ Besuchern im großen Saal des Soziokulturellen Zentrums St. Spiritus – im Ambiente der rückblickenden Fotoausstellung war es festlich zumute: 15 Jahre TANZTENDENZEN in Greifswald! Ulf Demski, Senator für Kultur, zeigte sich stolz über dieses renommierte und zugleich avantgardistische Festival, aus dem viele mittlerweile international bekannte Tanz- und Choreographiepersönlichkeiten hervorgegangen sind. Sabrina Sadowska, Kuratorin und Ballettmeisterin des Theater Vorpommern, schilderte ihre Juryerfahrungen, auch dieses Jahr zusammen mit dem Gründungs- und Kuratoriumsteam Brigitte Schöpf, Sozio-kulturelles Zentrum St. Spiritus, Frau Renate Schönebeck, Hebebühne e.V. und Ralf Dörnen, dem Ballettdirektor des Theater Vorpommern. Aus einer Fülle von über 300 Bewerbungen kristallisierten sich am Ende zwanzig „TANZTENDENZEN “-Kandidaten heraus – und ab hier wird diskutiert und verhandelt, die „Tendenz“ ermittelt. In diesem Jahr ist es an mediale Vernetzung mit der Literatur. Zum Eröffnungsvortrag war die Mitbegründerin des einzigen und einzigartigen Tanzfestivals im Nordosten der Republik Sigrid Gareis aus Wien angereist. Mittlerweile selbst Gründungsintendantin des Tanzquartier Wien entfaltete sie mit viel Charme und ein wenig Wehmut kompetent eine Geschichte des zeitgenössischen Tanzes und der TANZTENDENZEN in der Hansestadt seit 1996. Die Öffnung des Zeitgenössischen Tanzes für politische und soziale Inhalte, nach Osteuropa, auf alle Kontinente hin, Videotanz, Konzepttanz, Souveränität, gute Ausbildung, Offenheit und Unverbrauchtheit der Tänzer – das zeichnet heute dieses junge Kunstmedium aus. Und in der europäischen Tanzszene, so Sigrid Gareis ist das Ballett Vorpommern als Medium der TANZTENDENZEN in Greifswald zu einer anerkannten Größe geworden; Die Welt schaut auf diese Stadt.


Zwei herausragende Videoproduktionen präsentieren sich noch täglich bis 24.10.08 in St. Spiritus und am Abschlussabend,dem 25.10.08 dann im Theater Foyer: „May You Live In Interesting Times“ ist eine eindringliche Video-Tanz-Installation von Christian Ubl. Im „porösen Klima“ des Ineinandergreifens von Raum und Zeit entwickelt der Choreograph aus Frankreich/Österreich eine fast bedrückende Choreografie der „Körperzeitlichkeit“,- ein Performer als physischer Sensor von Zeit.
„Lostbox“, eine Video- Tanzperformance von Marie Goeminne aus den Niederlanden wurde aus der Faszination für das Menschliche geboren: Das Körperliche als surrealistische Form, - was geschieht darin, in Gedanken, in Gefühlen? Lostbox ist die Suche nach der Beziehung zwischen verbaler und nonverbaler Sprache”, sagt die Künstlerin. Die zweite Haut des Körpers ist ein Gedicht in Fragmenten auf die Glasscheibe vor der Box geschrieben, hinter der der kopflose Körper in absoluter Selbstbezogenheit agiert . Um 20.30 ging es im „TaP“ des Theater Vorpommern weiter. In dem Duo, “Couple Like“ (Deutschlandpremiere ) des belgischen Duos Kwaad Bloed entfaltete sich die Unersättlichkeit der Berührungssuche eines verliebten Paares hin zum faszinierenden und zugleich die Lachmuskeln streichelnden Abenteuer. Die Einladung ging auch an die Zuschauer, in die allmählich entstehende Welt von Vertrauen, Reibung, Zärtlichkeit einzutauchen, sich fesseln zu lassen von einer schier unendlichen Fülle an Nähevariationen – Intimität öffentlich gemacht. Eine der interessantesten Tendenzen diesjähriger Performance- und Tanzkunst ist die Einbindung ins Literarische als Leitmedium und Motiv des Tanzes in vielen Facetten: in Poesie, Drama, Kinderbuch oder philosophischen Text. Am 22.10. gab es im TaP großes Kontrastprogramm. Der Petit Prince in dem Stück Forty three Sunsets nach Antoine de Saint-Exupéry von VerTeDance/Prag war märchenhaft harmonisch: getanzte Kontemplation in der Wüste, kindlich weit sinnig entfaltete Möglichkeiten der Bewegung angesichts der Lichtgezeiten im All. Die versierte Tänzerin und Choreographin Tereza Ondrova verstand es auf unspektakuläre Weise, die artistischen Bewegungsabläufe des 10-jährigen Partners David Kràlik so zu lenken, dass die Harmonie von Bewegung, Licht, Bühnenbild und Akustik nahezu vollkommen war. Dancing Sarah Kane vom Teatr Bretoncaffe aus Warschau – das war existenzielle Performance zweier Paare, die ein schier unersättliches Spektrum an gestörten Paarbeziehungen, Abhängigkeiten, versäumten Nähen und grausamen Entfernungen entfalteten. Vorwegnahme eines einsamen Sterbens an Kontakt – und Liebesentzug, Augenblicksglück und Zerstörung - aneinandergenäht.




In der TanZZeiT wurde einen Tag später ein Gedicht nach Einar Bragi bei Maya Lipsker aus Israel zum Rahmen der Choreographie.:
Während die Erde schläft
Eingehüllt in weißes Fell,
Schreitet eine heitere Wärme fort
Mit dem Frühlingstraum in ihren Adern
Ich höre nicht ihr Gemurmel
Jedoch verspüre es im Blut
Das unhörbare Omen
Einer grünen Nadel unter dem Schnee.


NordReichNord 54°5’, 13°23’ ”ist ein rasantes Stück von Samuel Mathieu, Frankreich über den Geist angenommener Kräfte und Illusionen, ist ein klarer und zugleich dunkler Versuch, das durch Vernunft Erhellte zu würdigen, ihm auch im Schatten Kraft zu verleihen. Die Befindlichkeiten und Möglichkeiten der Tänzer sind aktiver Bestandteil des Projektes – vorausgegangen war eine intensive Spurensuche mit jedem der Tänzer. Die Bedingung der Möglichkeit von Kommunikation deckt sich bei Mathieu mit ihrer verdichteten Vermittlung in der Performance.

Am Abschlussabend gastierte das phantastische POGO-ensemble (Köln) mit einem Peter Bichsel-Stück – Literatur ist Animation, Medium und Erweiterung der Tanzperformance – Lautmalerei! Die Rhythmik der Autorstimme ist Medium für Atmosphäre und Bewegungsfarbe der phantastischen Tänzer. Für mich das beste Stück der Tanztendenzen, da erweiterten sich die Medien Tanz, Literatur, Rhythmik, künstlerische Performance und Aesstehtik gegenseitig! In der nachfolgenden Performance D'eux Sens von Abou Legraa (Frankreich), ebenfalls am Abschlussabend, gingen die (populär interpretierte) Musik der Sufis, die Lyrik des persischen Mathematikers (die man nicht verstand, da wäre ein kleines Übersetzungsblatt oder ein Textlichtbild vonnöten gewesen), Dichters und Philosophen Omar Khayyàn und der Tanz eine leider höchst sentimentale, mystisch überhöhte Symbiose ein doch das Solo von Raffaella Galdi aus Italien brachte nahezu minimalistisch Text-, Körper- und Tanzsprache zur Deckung: Ein Körper – immer in Bewegung, selbst im Innehalten – der Tanz-und Aktionsraum wurde mit dem ganzen Körper abgetastet, ausgelotet. Mit Leichtigkeit durchmass er den Raum zwischen zwei Punkten, probierte den Raum aus, tanzte mit dem Raum –wurde zum Instrument des Raumes.


Zwei Mal ging der zeitgenössische Tanz während der TANZTENDENZEN „outdoor“: „Trajets de Vie“-Geschichten von ex nihilo (Frankreich) suchten am Freitag ab 10 Uhr ihre Bühne auf der Straße, auf Parkbänken, setzten sich die Protagonisten in dieser Deutschlandpremiere der Öffentlichkeit und auch einer Anzeige bei der Polizei durch empörte Bürger aus. Der öffentliche Raum als verletzbarer Arbeitsraum. Realität und Fiktion fließen hier ineinander. Da ist der Versuch, eine Bindung herzustellen zu dem öffentlichen Leben auf der Straße, dem Platz, zu den Gegenständen, staunenden oder irritierten Menschen. Die Stadt wird plötzlich zum sehr privaten Ort und wir sind Voyeure. Die Akteure durchquerten mit ihren überraschenden Aktionen und Animationen den Spannungsbogen zwischen Autistik und Exhibitionismus.
Ebenfalls am Freitag gastierten TANZTENDENZEN zum ersten Mal im Pommerschen Landesmuseum - mit der kanadischen Compagnie konditionpluriel fand sich die Performerin in einer Versuchsanordnung vor, deren Regeln die Besucher zu bestimmen schienen. Ein sicherer kausaler Zusammenhang zwischen den Publikumsmanipulationen und den Reaktionen der elektronisch vernetzten Akteurin vor einer lichtflirrenden Leinwand war aber nicht festzumachen. Das haptische, Berühren und Berührtwerden, entfaltete nur scheinbar ein Wechselspiel zwischen Beziehungsnähe – und Ferne, eine menschliche Versuchsanordnung, die keine Sekunde ohne Bewegung war. Ein Performance-Envirement.
Das diesjährige Festival entfaltete ein unerschöpfliches Repertoire an gegenwärtigen und künftigen TANZTENDENZEN.. - das Performance -und Tanzfestival des Nordostens in Greifswald, auf das man für 2009 schon absolut gespannt sein kann.


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