30.5.05

Greifswald so gut wie tot

Der Marktplatz ist übersät mit Kreuzen. An der Rathauswand ein weißes Transparent: Greifswald so gut wie tot. Außer wir sagen: nein Danke. Oder so ähnlich. Grauer Himmel, Nieselregen, es ist zum Erbarmen. Die meisten Holzkreuze liegen auf dem Boden, einige werden von Studenten gehalten. Laute Musik dringt aus einem Lautsprecher, soll sie anfeuern? Es sind nicht viele zum Anfeuern da, von den ca. 11000 Studenten sind vielleicht 50 erschienen, sie bitten die PassantInnen, auch mich, doch bitte bitte auch ein Kreuz zu tragen und sich dazu zu stellen. Vielleicht ist es das Kreuz, das Leidenssymbol - und haben sie's so gemeint? nein eher, als Todessymbol, da liegt vielleicht der Hund begraben, sie hätten ein eindeutigeres Symbol wählen sollen - Symbol also, das viele so unwillig macht, vielleicht der Regen, vielleicht die Gleichgültigkeit und alles macht mich wütend.
Wo sind sie, die 11000? Wo sind die Dozenten? Wo die Profs?
Sparmaßnahmen hat die Regierung angekündigt, ganze Institute sollen geschlossen werden. Und wen trifft's: die Geisteswissenschaften. Zuerst. Und dann die ganze Stadt. Um die Stadt herum leere Landstriche, Arbeitslosigkeit, jetzt schon. Falls ein Teil der Uni wegfällt, in der Tat: Greifswald so gut wie tot.

Am Schluss steht ein einziger Student auf dem Platz und hält sein Kreuz. Umgeben von unzähligen selbst gezimmerten Holzkreuzen, die auf dem Boden liegen. Besprüht vom Nieselregen, der letzte Kämpfer unter grauem Himmel. Ein unvergessliches Bild.

So wird es sein, denke ich, wenn es so weiter geht mit dem Sparen. Ich spreche mit dem Letzten, der das Kreuz trägt, er sagt, er hält die Stellung, während die andern sich laut protestierend über die Stadt verteilt haben. Wir rätseln darüber, warum so wenige gekommen sind. Wir wissen es nicht.

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